Der Kreis schließt sich wieder.
Nachdem Lemi den Stadtteil Leme in Rio vor geraumer Zeit hinter sich gelassen hatte und zum Mineiro mutierte, bricht er nach Stippvisiten in Bahia und einer Liebelei mit dem Heiligen Geist von Setiba wieder ins alte Domizil auf: Rio de Janeiro!
Doch nicht wie beim ersten Mal, um seine ersten Erfahrungen mit den brasilianischen Damen zu machen, sondern diesmal zum Arbeitseinsatz in Sepetiba ... genau der Thyssen-Krupp-Baustelle, dessen Direktor kürzlich im AF-447 Vlucht der Air France tödlich verunglückte.
Ob es Lemis vererst letzte Station in Brazilië sein wird, entscheidet sich erst nach der Ausführung seiner Mission. Zumindest wäre es ein ehrwürdiger Abschluss, einen weiteren Teil der brasilianischen Eisenerzwirtschaft in Betrieb zu nehmen.
Der Name RIO klingt einfach wunderbar! Doch weder Arbeitsort noch Accommodatie befinden sich im eigentlichen Rio. Die Bucht von Sepetiba mit dem Vorort Santa Cruz befindet sich ca. 70 km von Rio´s Zentrum entfernt, ist aber leicht über die Avenida Brasil oder auch über Recreio und Barra zu erreichen.
Ich setze mich Montagmorgen bei ca. 12 Grad Ortstemperatur in Belo Horizonte in meinen noch vom letzten Sitio-Wochenende eingestaubten VW GOL. Mittlerweile hatte ich meinen 1.0L-Motor-Antrieb gegen einen spritzigen 1.6L-GOL eingetauscht, was sich wesentlich auf die Fahrzeit und den Komfort der 450-km langen Fahrt auswirken sollte, denn schließlich hatte die 1.6L-Version auch eine Servolenkung. Welch Luxus! Allerdings ist er mit einem Verbrauch von 12 Litern Alkohol auf 100 km (ohne Benutzung der Klimaanlage) nicht gerade ein Sparwunder.
Nachdem ich den GOL in den letzten Monaten 7 mal nachts auf der Strasse gelassen hatte und er genau 7 mal aufgebrochen wurde, allerdings nur beim ersten Mal mit Verlust meines Autoradios (ich ersetzte es nicht, weil ich wusste, dass es sowieso wieder geklaut werden würde), wollte ich die lange Fahrt nicht ohne meine Lindenberg-CD verbringen und investierte kurz vor Abfahrt noch in ein neues Radio. Nicht dass ich Hoffnung habe, dass mir das Ding in Rio nicht geklaut werden würde, aber Lemi sagte sich: Neue Hoffnung, neues Glück ... und ab gings auf die BR.
Nachdem ich auf den Bundesstrassen BR-101 und BR-262, beide berühmt-berüchtigt durch ihre chronische Überlastung und zahlreiche Unfälle mit Todesfolge, einige solcher Tragödien live miterleben musste, reihte sich die mir bis dato nicht unbekannte BR-040 nahtlos in Reihe der Katastrophen-BR´s ein.
Kurz vor Santos Dumont, benannt nach dem dort geborenen (nach öffentlicher brasilianischer Meinung) Erfinders des Flugzeugs, dachte ich mir noch mein Gott, diese Kurven hätten die aber auch etwas mehr begradigen können ... und schon bekam ich die ersten Lichthupen des Gegenverkehrs ins Gesicht geblendet. Dies konnte im Prinzip nur 2 Dinge bedeuten: Polizei oder Unfall. Letzteres war der Fall. Just in einer dieser engen Kurven hatte sich ein LKW auf seine Breitseite gelegt. Polizei und Schaulustige waren bereits vor Ort. Weitere, für die anliegende Bevölkerung nicht unwichtige Aktivitäten waren bei näherem Hinschauen im Gange. Die durchaus wertvolle LKW-Ladung wurde bereits fachgerecht entsorgt (SIEHE FOTO - UNTEN). Alles unter den Augen der offenbar gelangweilten Polizei. Ihre Funktion schien lediglich darin zu bestehen zu kontrollieren, dass jeder Anwohner maximal einen Sack entwendet ... genau, es waren Zementsäcke!
Nachdem ich bereits das Ausräumen von Joghurt und Holzkohle-LKW´s miterlebt hatte, war nun eine für Brasilianer weitaus bedeutendere Ware an Bord des umgestürzten LKW´s. Welcher Brasilianer träumt nicht vom Casa própria, dem eigenen Haus, und wenn es auch nur in einer Favela in Santos Dumont ist. Der durchaus ehrenwerte, wenn auch umstrittene Vater der Flugtechnik (die Gebrüder Wright aus den USA nehmen das Recht der Flugzeugerfinder ebenso in Anspruch!) hätte seiner Stadt sicherlich geradere Pisten geschenkt, nicht zuletzt um sein Hobby des Fliegens (und auch Landens) frönen zu können.
Doch Brasilien wäre nicht Brasilien, wenn es nicht in einem Augenblick sein Gesicht ändern könnte. Der Wandel kam ein paar Kilometer später, in Juiz de Fora. Die Firma CONCER kündigte in großen Lettern an Hier beginnt eine Mautstrecke. Von nun an musste der Steuerzahler also zweimal für die gleiche Strasse blechen: Einmal an den Staat in Form der Autosteuer und das zweite Mal direkt an den über die kommenden 200 km verteilten 3 Mautstationen. Summa summarum waren es 21,60 R$. Dafür gab es dann aber perfekten Asphalt auf einer 2-spurigen Autobahn. Schlaglöcher Fehlanzeige.
Vorbei am Mercedes-Werk, wo momentan nur Sprinter-Klein-LKW´s hergestellt werden gings über eine serpentinenreiche Strecke durch die Serra von ca. 1000 m ü.M. auf Höhe Meeresspiegel nach Rio herunter. Ein Toyota Corolla, der mich schon die gesamte Strecke verfolgte, schien plötzlich übermütig zu werden und drückte auf die Tube und überholte mich. Ich nahm die Herausforderung an und so ging es mit quietschenden Reifen durch gut ausgebaute Serpentinen talabwärts in Richtung Baia Guanabara. Ich brauche sicherlich nicht zu erwähnen, dass der Toyota nur zweiter Sieger wurde ...
Vorbei an Flickenteppich-Verkäufern, Goldbananen-Ständen und später zahlreichen Möbelläden ging es in Richtung Linha Vermelha. Für Lemi bekanntes Terrain. Schließlich hatte er seine ersten Eroberungen genau dort gemacht. Marta aus dem Stadtteil Maracanã war nach der Barbarella-Juliana Nummer 2 auf der Liste seiner Eroberungen (keine Angst ... ich führe keine Namensliste). Zugegebenermaßen handelte es sich bei Juliana weniger um eine Eroberung, aber ihre Zügellosigkeit und ihre indianischen Gesichtszüge (ganz zu Schweigen von ihrer Figur) hatten mich völlig in den Bann gezogen. Sie hatte etwas raubtierhaftes und unterstrich dies durch ihr Minikleid im Tigerfelldesign. Rein optisch die perfekte Frau. Marta war da anders. Auf den ersten Blick war sie etwas mager und hatte auch kein besonders hübsches Gesicht, trotzdem hatte sie die Eigenschaft Lemi mit ihren erotischen Blicken und vielsagenden Versprechungen verrückt machen. Es war so gut wie unvermeidbar, dass wir 2 Stunden nach unserem Aufeinandertreffen auch schon zusammen im Bett lagen. Marta war erfahren. Und das war für den damals noch fast unschuldigen Lemi, der die brasilianische Damenwelt bis dahin nur optisch, aber kaum körperlich wahrgenommen hatte, Gold wert. Man kann es auch richtungsweisend nennen, denn von da an ließ ihn diese Rasse nicht mehr los.
Entschuldigt. Ich merke schon ... ich schwenke ab. Genau das musste ich in diesem Augenblick auch tun, denn ich sah das Schild zur Linha Amarela, bekannt aus zahlreichen Favela-Kriegen. Wenn man sich durch die anfangs recht enge Linha Amarela schlängelt, bekommt man ein Gänsehautgefühl. Links und rechts, scheinbar in greifbarer Nähe, reihen sich die Favelas wie Perlen an einer Kette auf. Perlen ist natürlich das falsche Wort. Es sind stinkende Kloaken, die manchmal durch ein paar Farbspritzer an einigen wenigen Häuserwänden des ansonsten endlosen Backsteinmeeres, fast romantisch wirken. Aber weit gefehlt. Mit Romantik hat dies wenig zu tun. Seitdem sich Auswanderer aus dem Nordosten Brasiliens in einer scheinbar endlosen Schlange an den Favela-Eingangstoren einreihen, wird die Armut und Kriminalität in solchen Städten wie Rio und São Paulo von Jahr zu Jahr schlimmer und vor allem unkontrollierbarer!
Doch wieder passiert das Wunder. Plötzlich taucht im Favela-Meer ein Gebilde auf, dass von moderner Architektonik geprägt ist und meine immer mehr im Trübsinn verhängenden Gedanken wieder aufzucken lässt. Rechterhand sehe ich das Stadion João Havelange, erbaut für die 2007 in Rio stattgefundenen Panamericano-Spiele.
Das Stadtbild ändert sich jetzt ständig. Mittelklasse-Viertel, Favelas, Hochhäuser, Shopping-Center und dann der Tunnel nach Barra da Tijuca. Vorher muss ich noch 3,60 R$ Mautgebühr abdrücken. Nachdem ich den Tunnel durchquert hatte, fühlte ich mich wie in Downtown einer modernen nordamerikanischen Großstadt. Es war unglaublich, wie Rio sein Gesicht wechseln konnte.
Ich bog aber schnurstracks in Richtung Recreio ab, wo sich, was ich bis ein paar Stunden vor Ankunft in Rio noch nicht wusste, meine Unterkunft befinden sollte.
Ich hatte die Baustellensekretärin auf dem Weg nach Rio angerufen und gefragt, wo ich eigentlich hinfahren sollte. Sie gab mir eine diskret erscheinende Adresse durch, die sich als ein wahrer Luxusbunker entpuppen sollte. Es ist eines dieser Aparthotels mit allem Schnickschnack wie Pool, Fitnessraum, Espaço Gourmet etc. Zimmer mit Blick aufs Meer, wo die Jungs ihre Surfkünste unter Beweis stellen wollten. Der Anblick war wunderschön (SIEHE FOTO - UNTEN). Es war eigentlich wie Urlaub, doch es sollte das letzte Mal sein, dass ich diesen Anblick genießen sollte. Von nun ab hieß es wieder Baustellenalltag und das bedeutend unter anderem das Haus vorm Sonnenaufgang zu verlassen und nach Sonnenuntergang zu betreten.
Die unmittelbare Strandnähe brachte mir also nichts Wesentliches. Vielleicht für ein paar Tage gut und schön, aber Lemi muss unters Volk und das heißt eine Bude in Santa Cruz, nähe der Sepetiba-Baustelle, suchen. Um das in der Firma durchzukriegen, wird wohl etwas Überzeugungsarbeit nötig sein. Nicht aus Kostengründen, aber die SICHERHEITSBEDENKEN.
Fortsetzung folgt bestimmt ...



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