Der Autor
Im Alter von 54 Jahren im Jahr 1997 ist der gebürtige Dresdener Wolf Peter Reinhold mit seiner damals 25-jährigen Frau Tina nach Brasilien ausgewandert. Er beendete seine erfolgreiche Karriere als Werbetexter und zog von Düsseldorf nach Brasilien um. Zehn Jahre lebte er an vier verschiedenen Orten. Im Jahre 2007 zog er mit seiner Frau wieder nach Europa zurück. Erst ging es nach Lissabon, dann nach Berlin. September 2009 kehrten Peter und Tina Reinhold wieder nach Brasilien zurück: "Nun endgültig", schrieb er dazu als Schlusswort in seinem Buch "Brasilien im Original", dass er im Juli 2009 veröffentlichte.
Das Buch
Der Untertitel des Buches lautet "Meine 10 Jahre auf einem anderen Planeten". Auf 438 Seiten versucht der Autor des Buches sowohl spannende Lektüre als auch Anregungen für Urlaubsplaner und Hilfe für Auswanderer zu bieten, wie er auf dem Buchrücken erklärt. Die Höhepunkte des Buches sind sowohl die Schilderung einer Fahrt durch halb Brasilien (ca. 11.000 km in 26 Tagen) und die diversen Beschreibungen verschiedener Auswandererschiksale zwischen Träumen und brasilianischer Realität, welche die Träume oftmals mehr oder weniger einkassiert hatte, als auch die Schilderungen der Umgebung im Nordosten in der Nähe des Amazon-Deltas bei Paraíba.
Hierbei kamen Peter Reinhold bereits gemachte Erfahrungen als Camel-Trophy-Fahrer in Papua-Neuguinea zu gute. Diese Erfahrungen konnte er bei Paraíba entsprechend während seinen Fahrten über Dünen und unwegsamen Straßen mit seinem Landrover einbringen. Hin und wieder geht er auch kurz auf brasilianische Realitäten ein, welche ziemlich drastisch und kontrastreich seinen Erlebnissen gegenüber stehen.
Meine Bewertung
Das Buch kommt größtenteils kurzweilig und interessant geschrieben daher. Die Berichte und Beschreibungen seiner Reisen sind lesenswert und detailliert. Es hat zwar Anwandlungen eines Romans, das Buch ist aber eher ein Zwitter aus reiner Reiseberichterstattung und Betrachtungen der brasilianischen Realität mit einem Schuss Autobiografie.
Allerdings liegt genau hier auch die Schwäche des Buches. Der Autor und seine Frau sind einerseits die erklärten Protagonisten des Buches, die der Handlung als Klammer dienen, andererseits sieht sich der Autor wohl eher nur als Kommentator denn als Handelnder in bestimmten Situationen und seine Frau spielt auch nur eine fast unbedeutende Randfigur in den Erzählungen auf. Der Schuss Autobiografie macht das Buch inhaltlich immer wieder zu einer Hängepartie.
Auf dem Buchrücken spricht der Autor vom erklärten Ziele der Aufklärung über das wahre Brasiliens und steigert damit die Ansprüche der Leser. Aber ein Buch, welches sowohl als "spannende Lektüre, Urlaubsplaner oder Hilfe für Auswanderer" dienen soll, muss mehr bieten.
Auswanderungswillige nach Brasilien erfahren in diesem Buch zwar einiges detailliertes über Schicksale von Auswanderern, und das erheblich mehr als in jeder Doku-Soup eines privaten Werbefernsehens. Nur mit welche weitreichenden Schwierigkeiten Brasilien seine Einwanderer konfrontiert, das sucht der Leser vergebens. Dass Brasiliens Bürokratismus organisatorisch alles auf die Verantwortung seiner Bürger abschiebt und erheblich heftiger ist, als man es vom Bürokratismus aus Deutschland kennt, das wird in einem eigenen Kapitel über die Ummeldung eines Fahrzeugs nach Umzug beschrieben. Lediglich Tipps, wie der Bürokratismus Brasiliens erträglicher gemacht werden kann, das bleibt das Buch dem Leser als Information schuldig. Deswegen bedient dieses Werk die Zielgruppe der Auswanderungswilligen höchstens nur am Rande.
Als "spannende Lektüre" würde ich das Buch nicht bezeichnen. Ja, das Buch ist interessant, beschreibt Gegenden und gibt merkenswerte Reisetipps.
Allerdings wenn sich für mich Spannung einmal aufgebaut hat, so vollbrachte es der Autor, diese durch seine Ausdrucksweise zu kastrieren. Im Zusammenhang mit Essen tauchten die Worte "herrlich", "köstlich", "schmackhaft" und "knusprig" genauso inflatorisch auf wie "eisgekühlt", "eiskalt" oder "sehr kalt" in Zusammenhang mit Bier. Wie oft der Autor sich Bier oder Kokosnuss-Wasser in den "Schlund geschüttet" hatte, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Es waren viele, viele Male. Und jede weitere Beschreibung hat stärker beim Lesen ermüdet.
Zudem nervten auch noch Wiederholungen: Beispielsweise wird in dem Buch dreimal an verschiedenen Stellen beschrieben, wie der Junge "Pedro" einem undankbaren Holländer dessen Brille aus dem brauen Wasser eines Flusses gefischt hatte, nachdem jenem Tourist sie ins Wasser fiel. Und diese Beschreibungen waren fast identisch, ohne eine wirkliche Variation. Es erinnerte mich an Textbausteine. Oder der Autor nutzt Jürgen Klinsmann in einem Zusammenhang, der in Deutschland schon längst keine Rolle mehr spielt (Klinsmann als Flyer), nachdem Klinsmann nun schon zweimal erfolglos Trainerjobs ausgefüllt hat.
Verwirrend kommt zusätzlich hinzu, dass der Autor bei der Umrechnung der Landeswährung immer wieder zwischen Euro und D-Mark hin- und herspringt und das obwohl das Buch doch erst im Juli 2009 rausgebracht wurde.
Der Sprachstil des Buches schwankt zwischen anspruchsvoll und dann wieder lieblos dahin gerotzt. Schreibt der Autor beispielsweise, wie er sich mit seiner Reisegruppe aufgrund des Fehlens von Trinkhalmen und Bechern "das frische Kokoswasser direkt ins weit geöffnete Maul" gießt und zwei Sätze später schreibt er von "Reklame mit großmäuligen Qualitätsversprechen" (bezogen auf ein gebrochenes amerikanischen Bärenmesser), dann ist das ganze nicht nur eine stilistische Blüte. Der Eindruck auf mich war eher der einer sprachlichen Blutgrätsche als wirklich durchdacht. Mag sowas auch als Ironie gedacht gewesen sein, nur indirekte Hinweise auf Vorsatz von diesen stilistische Blüten, fand ich nicht. Es scheint wohl dem Naturell des 66-jährigen Autors entsprechen. Eben dieser Sprachstil gab mehr biografisches preis als der Autor von sich preis geben wollte. Jedoch dieser mein Eindruck muss nicht stimmen, ich kann mich erheblich irren.
An der Oberfläche der brasilianischen Realität kratzt das Buch nur hin und wieder. Jedes persönliche Gespräch mit Brasilianern bringt mehr soziologische Hintergrundinformationen zu Brasilien als dieses Buch.
Das Buch "Brasilien im Original" von Peter Reinhold kann im Großen und Ganzen wohl doch noch als lesenswert bezeichnet werden, läßt man mal die Marotten des Autors weg. Der Autor steuert durch den Inhalt seines 10-jährigen Brasilienaufenthalts, wie er seine Fahrzeuge durch unwegsames Gelände steuert. Wer allerdings wissen will, welche persönliche Kämpfe der Autor in dem 10-jährigen Brasilienaufenthalt ausfechten musste, der wird nicht fündig.
Daher kommt das Schlusskapitel "Der Lack ist ab" mit der Erklärung, warum der Autor mit seiner nach Europa zurück kehrte, auch genauso überraschend wie er manche brasilianische Regengüsse beschrieb:
Völlig aus dem heiteren Himmel heraus.
In dem ganzen Buch fand sich nicht wirklich ein Hinweis, dass der Autor Probleme in Brasilien nicht souverän bewältigen und lösen könnte. Umso überraschender ist dann im Schlusskapitel die Verkündigung vom Ende des Brasilienaufenthalts. Im Vergleich zu den ganzen beschriebenen Rückblenden über die schlechten Erfahrungen mit Deutschland und Deutschlands katastrophalen Nachteile war die Erklärung für die Motivation nach Europa zurück zu kehren schon verdammt dünn.
Und auch hier taucht die bereits beschriebene Schwäche des Buches auf. Seine Frau ging mit. Einfach so. Spannend wäre gewesen, auch von der Position seiner Frau und den Diskussionen zwischen den beiden zu erfahren. Aber in dem ganzen Buch findet ein Dialog zwischen dem Autor und seine Frau nicht statt. Die Frau des Autors taucht wie schon gesagt nur als beobachtetes Objekt auf.
Selbst die Lebensverhältnisse des Autors werden nie beschrieben. Über die Schicksale anderer deutschen Auswanderer enthalten mehr Details als über die ökonomischen Wirtschaftsbedingungen des Autors. Ganz klar: So etwas muss nicht sein, aber es wäre erstens nicht nur interessanter gewesen, es hätte zweitens dem Buch erheblich geholfen, seinen Protagonisten mehr Farbe zu geben. Denn in jedem Brasilien-Forum findet sich hierzu mehr als in jenem Buch.
Ach ja:
Definitiv positiv empfand ich, dass Rio de Janeiro in dem Buch nicht eine Rolle spielte. Dieses Reiseziel hat der Autor sich und dem Leser zugunsten anderer guten Detailbeschreibungen erspart.
Wer nach Reise-Alternativen in Brasilien sucht, der wird in dem Buch garantiert fündig. Wer Paraiba schon als Reiseziel anvisiert hat, der kann sich mit diesem Buch schon einstimmen. Der Werbetexter Perter Reinhold hat seine Arbeitsprobe mit diesem Buch geleistet. Meine Anerkennung.
Wer jedoch Auswanderinformationen und behördliche Details in dem Buch sucht, wird nicht direkt fündig. Als Behörden-Reiseführer Brasiliens ist das Buch absolut ungeeignet.
Zusammenfassung
Auf einer Schulnoten-Skala zwischen 1 und 6 gebe ich dem Buch eine "3". Ausschnittsweise werde ich das Buch sicherlich noch lesen, aber in seiner Gänze werde ich es mir nicht nochmals antun
Das Paperback-Buch "Brasilien im Original" ist im Verlag "Books on Demand" am 3. Juli 2009 erschienen (ISBN-13: 978-3837052343) und kostet 24,90 Euro.



2Tak


Welches Buch würdest du denn als lohnenswerte Lektüre über Auswanderungserfahrungen empfehlen?
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