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Thema: Neues aus Sepetiba

  1. #139
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Die "Gaiola das Popozudas“


    Auf gut deutsch: „der Käfig der Dickärschigen“ ... was den Kern der Aussage 100%-ig trifft.

    Die blondierte Sängerin und ihre 3 Tänzerinnen glänzten hauptsächlich durch überdimensionale Ärsche und wahnsinnig gut durchtrainierte Beine. Letzteres kannte ich bereits von den Samba-Tänzerinnen, aber die Popozudas waren noch mal eine Kategorie für sich. Passend zu den vulgären Funktexten waren ihre Tanzbewegungen. Wer in der ersten Reihe stand, spürte den Wind, den die Damen mit ihren kreisenden Arschbewegungen erzeugten. Die Enge ihrer gelben Körperlappen liess das gesamte Körperprofil wie im Röntgen-Apparat erscheinen, sowie den Intimbereich bis ins letzte Detail erkennen. Die provozierenden Bewegungen, die natürlich nichts anderes als Imitationen des Geschlechtsakts waren, liessen die Augenpaare der Zuschauer immer wieder in Richtung Unterleib wandern. Von meinen Nachbarn bekam ich ab und zu einen steif hochgestreckten Daumen zugestreckt, wobei seine leuchtenden Augen in Richtung einer der Damen auf der Bühne gingen. Genau das gefiel den Brasilianern.

    Erstaunlich war, dass auch das anwesende weibliche Publikum mitkreischte und den hier vorgeführten Gipfel der Perversion alles andere als abstoßend empfand. Wieder einmal stellte ich mir vor, wie die Reaktionen des Publikums wären, wenn die gleiche Show in Kassel oder Fürstenfeldbruck ablaufen würde.

    Mittlerweile war es um 3 und ich entschloss mich, ein letztes Bier zu trinken und mich dann per Taxi auf den Heimweg zu machen. Kurz nach halb 4 lag ich ziemlich erschöpft, aber voller bunter Bilder im Hinterkopf und mit einem Summen in den Ohren, in meinem Bett im ach so stillen Recreio. Das der Wecker 2 Stunden später klingeln würde, juckte mich in diesem Moment herzlich wenig. Ich hatte mein Sahnehäubchen auf das turbulente Wochenende bekommen und wäre durchaus zufrieden und glücklich aus Rio abgereist, wenn es denn wirklich mein Ende gewesen wäre ...

    Miniaturansicht angehängter Grafiken Miniaturansicht angehängter Grafiken Neues aus Sepetiba-k-p9305717.jpg   Neues aus Sepetiba-k-p9305718.jpg   Neues aus Sepetiba-k-p9305725.jpg   Neues aus Sepetiba-k-p9305727.jpg   Neues aus Sepetiba-k-p9305714.jpg  

    Geändert von Lemi (9. October 2009 um 14:02 Uhr)
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         Standard AW: AW: Neues aus Sepetiba


       

  2. #140
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Das Wunder um Grace


    Grace ließ kurz vor meiner Abreise aus Rio noch die meisten Fragen offen. Ich entschloss mich, ein wenig intensiver auf sie zuzugehen, um Antworten zu bekommen. Antworten, die hauptsächlich ihren Krankheitsstatus betreffen. Ich wollte natürlich auch noch etwas von ihren Auslandsreisen mit der Sambatruppe erfahren, aber schien es wohl dafür schon zu spät zu sein. Oder vielleicht war es auch nicht der richtige Zeitpunkt. Deshalb richtete ich mein Telefongespräch mit ihr auf ihre bis dahin noch unbekannte Krankheit aus.

    -Oi Grace, lange nichts gehört von dir.
    -Hab keinen Kredit auf meiner Telefonkarte. Sonst hätte ich dich bestimmt schon mal angerufen. Es gibt ein paar Neuigkeiten ...
    -Warst du endlich beim Arzt?
    -Ja.
    -Was ist rausgekommen?
    -Nichts. Ich war am falschen Tag dort. Mein Termin war am Tag zuvor.
    -Oh mein Gott (beinahe hätte ich gesagt: „Bis du bescheuert!“). Und nun?
    -Ich brauche nicht mehr zum Arzt. Mir geht’s wieder besser.
    -Wirklich? Meinst du, dass es nicht trotzdem besser wäre zum Arzt zu gehen?
    -Ich denke nicht.
    -Mach keinen Scheiß, Grace.
    -Lemi, erinnerst du dich als dir vom meinem Kult erzählt habe?
    -Ja klar, aber viel hast du mir ja nicht darüber verraten.
    -Ich würde dir ja gerne mehr erzählen, aber du wirst mir ja sowieso nicht glauben. Du glaubst ja an keinen Gott, hast du mir mal gesagt ...
    -Das stimmt, aber das heißt ja nicht, dass andere Leute nicht an einen Gott glauben dürfen. Ich denke sogar, dass ein fester Glauben in gewissen Situationen helfen kann. Aber was ist passiert? Schieß los! Ich bin neugierig.
    -Ich war am Wochenende bei meiner „Mãe Santa“.
    -Bei wem?
    -Die Mãe Santa ist so etwas wie meine Beschützerin, in der Kirche nennt man es auch Patin.
    -Okay.
    -Ich hatte wahnsinnige Schmerzen und rief sie zu mir nach Hause. Es wurde so schlimm, dass ich total verkrampfte und ohnmächtig wurde. Sie hat mich wieder aufgeweckt und sich um mich gesorgt. Sie ist besser zu mir als meine Mutter. Am nächsten Tag kam sie wieder zu mir und legte mir die Karten?
    -Sie legt Karten?
    -Ja. „Alle Karten sind schwarz“, sagte sie. Um mich sähe es sehr schlecht aus und ich müsste mich, um nicht zu sterben, einem Reinigungsritual unterziehen, damit die Karten nach und nach wieder weißer werden.
    -Porra. Und was hat sie mit dir gemacht?
    -Ich musste mich komplett ausziehen. Sie hat mich von oben bis unten mit weißer Paste, die verschiedene Substanzen enthält, eingesalbt. Von meiner schwarzen Hautfarbe war nichts mehr zu sehen. Mein aufgestecktes Haar musste ich ebenfalls opfern. Anschließend gab sie mir einen weißen Umhang, den ich anziehen sollte. Parallel dazu verabreichte sie mir immer wieder kochend heiße Getränke, die fürchterlich schmeckten, aber ich musste sie trinken. Sie sagte, dies würde den inneren Reinigungsprozess beschleunigen. Und ich musste schnell handeln, da es schlecht um mein Leben aussah. Ich ließ also alles über mich ergehen, was meine Mãe Santa befahl zu tun. Als ich weiß eingeschmiert und angekleidet war, sollte ich mit ihr zum Meer gehen. Auf dem weiten Weg dahin musste ich immer wieder dieses ekligen Trunk zu mir nehmen. Und ich sollte barfuss laufen, damit das Schwarze aus mir herauskonnte. Als wir endlich am Meer angekommen waren, schickte sie mich ins Wasser.
    -Kannst du schwimmen?
    -Nein.
    -Sie rief jetzt die Meeresgöttin Yemanja. Sie flehte um ihre Hilfe. Sie sollte kommen, um alles Schwarze aus mir zu ziehen und es mit in die Tiefe des Ozeans nehmen. Ich war über eine Stunde im Wasser. Es war Mitternacht, aber ich hatte keine Angst, weil meine Beschützerin ja bei mir war. Als sie ihre Gebete beendet hatte, rief sie mich aus dem Wasser und sagte mir, dass Yemanja da war.
    -Und waren die Schmerzen weg?
    -Auf dem Heimweg war ich etwas erschöpft und unterkühlt vom Meereswasser. Ich spürte keine Schmerzen. Als wir wieder zu Hause angekommen waren, legte sie erneut die Karten. Sie sagte, dass sie jetzt wieder weiß sind ... so wie sie bei einer gesunden Person sein müssen. Ich sei geheilt.
    -Und?
    -Seitdem Reinigungsritual habe ich nie wieder Schmerzen gehabt, Lemi. Ob du es glaubst oder nicht, aber es ist so.
    -Was soll ich dazu sagen? Wenn du sagst, dass du schmerzfrei bist, dann bist du es sicherlich auch.
    -Ich bin geheilt, Lemi.
    -Meinst du nicht, dass es nicht besser wäre, trotzdem noch mal zum Arzt zu gehen?
    -Es ist nicht notwendig.
    -Und wenn ich darauf bestünde?
    -Aber nur, weil du mir die letzte Rate der Krankenversicherung bezahlt hast ....

    Als wir von der Krankenversicherung sprachen, nahm ihre Stimme plötzlich wieder irdische Züge an. Vorher schien sie von einer Traumwelt zu sprechen oder in Trance gewesen zu sein. Ich weiß es bis heute nicht. Ich weiß auch nicht, ob das alles Quatsch war, was sie mir erzählt hat. Allerdings gibt es keinerlei Grund über ihre Krankheit mir gegenüber zu lügen. Oder hatte ich da wieder irgendein Detail übersehen? Nein, ich konnte auch beim mehrfachen Nachdenken und Grübeln keinen Haken an der Geschichte feststellen. Grace schien (zumindest vorübergehend) wieder gesund zu sein.


    Die Story um Grace Heilung klingt wie aus dem Märchenbuch. Auch wenn ich dazu neige, manchen Geschichten eine künstliche Pointe zu verpassen, um ihnen einen gewissen "Charme" zu verleihen, ist der letzte Beitrag die 1:1- Wiedergabe, von dem was ich von Grace zu hören bekommen habe.
    Geändert von Lemi (13. October 2009 um 18:39 Uhr)
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  3. #141
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Grace bekommt Besuch


    Grace plötzliche Heilung ließ mir keine Ruhe. Ich rief sie am Folgetag wieder an, um sie zu fragen, ob ich sie wieder mal besuchen kommen könnte. Eigentlich hatte ich ganz andere Hintergedanken. Ich wollte ihre Schwester, Mutter und vielleicht sogar Töchter interviewen, um die Wahrheit zu erfahren. Sicherlich steckte der Teufel im Detail. Niemand wird von einer Yemanja geheilt, schon gar keine höchstwahrscheinlich krebskranke Frau.

    Als ich Grace Nummer wählte, wusste ich aus Verlegenheit gleich gar nicht, wie ich das Gespräch anfangen sollte. Ich hatte ja irgendwie vor, sie einer Lüge zu überführen, wusste jedoch nicht, ob ich mich als „Ungläubiger“ damit nicht lächerlich machen würde ...

    -Hast du schon einen Termin beim Arzt, Grace?
    -Ja, kommenden Dienstag.
    -Prima, ich dachte schon, du nimmst meinen Rat nicht ernst ... Ähm, Grace, hast du heute Abend Zeit?
    -Nein, ich gehe heute tanzen. Ich brauche Kohle. Hab fast 1000 R$ Schulden.
    -Du tanzt schon wieder?
    -Klar, warum nicht? Mir tut nichts mehr weh und ich brauche dringend Geld. Hab ja auch noch Schulden bei dir ...
    -Tanzt du wieder in dem Schuppen in Meier?
    -Genau. Erinnerst du dich noch?
    -Hmmm ... ja, bestens ...
    -Kommst du?
    -Nee, eigentlich keine Lust ...
    -Ich denke, du willst mich sehen?
    -Ja, schon ... aber ... (Denkpause) ... ich wollte mich eigentlich in Ruhe mit dir unterhalten. Bei dem Krach der Trommeln geht das nicht so richtig.
    -Hab dich nicht so, Lemi. Los komm ...
    -Na gut. Wie hieß der Laden noch mal?
    -Arranco.
    -Hoffentlich finde ich den Weg. War ziemlich kompliziert.
    -Ich bin so gegen 11 dort.
    -Eigentlich würde ich dich lieber morgen zu Hause besuchen.
    -Das passt nicht so richtig. Ich kriege morgen Besuch.
    -Wer kommt denn so wichtiges?
    -Ähm Lemi, es ist mein Freund aus Italien. Er bleibt 10 Tage.
    -Ja, warum sagst du das nicht gleich. Kann schon verstehen, dass ich nicht gleich am 1. Abend erwünscht bin. Habt sicherlich einiges nachzuholen (hehehehe)

    Sie lacht ziemlich schmutzig ins Telefon ... wird aber gleich darauf wieder ernst.

    -Lemi, meine „Mãe Santa“ hat mir gesagt, dass ich in 1 Monat einen Gringo heiraten werde. Sie hat das in ihren Karten gesehen. Ich habe nur 4 Freunde, die Gringos sind: Das bist du, der Italiener, mein Ex-Freund aus Deutschland und eine Bekanntschaft aus Norwegen. Bei dir weiß ich ja, dass es nicht geht. Zum Norweger habe ich keinen Kontakt mehr. Mein Ex aus Deutschland hat mich vor kurzem wieder kontaktiert und mir Honig ums Maul geschmiert, aber ich bin sauer auf ihn. Kommt eigentlich nur der Italiener in Frage.
    -Was war denn mit dem Alemão?
    -Der hat mich mit meiner Freundin betrogen, der Arsch. Er kann mich ja betrügen, wenn er will, aber er soll es so machen, dass ich es nicht merke und vor allem nicht mit meiner Freundin!
    -Wirst du ihm verzeihen?
    -Nein.
    -Keine Chance?
    -Ich habe keine Gefühle mehr für ihn. Wenn ich ihn heiraten würde, dann nur aus rein finanziellem Interesse.
    -Das würdest du machen?
    -Ja.
    -Hätte ich nicht von dir gedacht ...
    -(mit erhobener Stimme) Was soll ich denn machen, Lemi? Ich kriege schon nichts mehr zu essen auf den Tisch. Der Kühlschrank ist leer. Die Rechnungen stapeln sich. Ich bin 33. In dem Alter bin ich in manchen Sambaschulen schon für den Aufnahmetest zu alt. Bei den Shows wollen sie auch nur junges Blut.
    -Also vielleicht doch wieder richtig arbeiten?
    -Wenn du wüsstest, wie viele Bewerbungen ich schon weggeschickt habe. Ich habe schon einen Kurs in Arbeitssicherheit gemacht und mich in großen Betrieben beworben. Aber die wollen nur Personal mit Erfahrung. Ich komme nirgendwo rein. Und jetzt mit dieser scheiß Krise läuft erst recht nichts.
    -Tut mir leid, Grace. Ich kann dir da, glaube ich, auch nicht weiterhelfen.
    - Lemi, du hast mir schon genug geholfen. Brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich habe auch schon Pläne ..
    -Erzähl mal ...
    -Ich will Auslandstourneen von Tanzgruppen managen. Ich habe selber genug Tourneen mitgemacht. Ich habe viele Kontakte. Sowohl zu den Veranstaltern als auch zu den Mädchen, die tanzen wollen. Ich denke, dass ich sowas auch organisieren kann. Die Tournee-Manager sind meist Ex-Tänzer wie ich, und verdienen richtig viel Geld.
    -Und warum machst du es noch nicht?
    -Ich brauche Startkapital.
    -Wofür?
    -Ich muss Stoffe kaufen, die Kostüme anfertigen lassen, das ganze Zubehör wie Fahnen, Dekoration nähen und ich muss einen Saal für Proben anmieten. Außerdem brauche ich eine ordentliche Musikanlage.
    -Was denkst du, wie viel du dafür brauchst?
    -Keine Ahnung. Lohnt sich eh nicht darüber nachzudenken, weil mir niemand soviel Geld leihen wird.
    -Aha, also deswegen eine Geldheirat!?
    -(Laut) Oh Lemi, nerve mich nicht. Ja, ich heirate jemanden, der Geld hat. Was ist daran so schlimm? Hat das deine Frau etwa nicht gemacht?
    -Manche Leute heiraten auch noch aus Liebe.
    -(Noch lauter) Erzähl keinen Unsinn. Frauen aus der Unterschicht müssen sehen, dass sie mit dem Arsch an die Wand kommen. Erzähl mir nichts von Liebe! Denkst du, ich würde ein armes Schwein heiraten, nur weil ich ihn liebe? Nie und nimmer!!!
    -Ok, ok Grace ... komm wieder runter. Ich habs kapiert.
    -Entschuldige ... kommst du nun heute Abend?
    -Okay. Scheint ja unsere letzte Chance zu sein, sich noch mal zu sehen. Ich will mich ja auch nicht gerade am Telefon von dir verabschieden.
    -Danke, danke, danke Lemi. Ich werde heute Abend nur für dich tanzen!
    -Lass das mal nicht deinen Italiener erfahren (hehehehe)

    Mist. Das Gespräch ist vollkommen daneben gelaufen. Ich wollte Grace wegen ihres „Reinigungsrituals“ ausquetschen und habe wieder alles andere erfahren, nur nicht dass, was ich wollte. Grace hat es wieder mal geschafft, genau das zu machen, was ich nicht wollte. Und noch schlimmer: mit ihren neuesten Geschichten vom Italiener und der Tournee-Managerin hat sie sich noch interessanter für mich gemacht, als sie ohnehin schon war.

    Ich hatte aber echt Null Bock auf die Tanzvorführung in der Sambaschule „Arranco“ im Stadtteil Meier. Ich musste mir eine Ausrede einfallen lassen ...
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  4. #142
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Um bei einer drittklassigen Sambaschule für 60 R$ aufzutreten und dafür noch ca. 15 R$ Busgeld zu verbraten, muss man schon ganz schön abgebrannt sein. Grace schien sich genau auf diesem finanziellen Level zu befinden. Und das nun schon seit Wochen. Dabei hatte sie 2 Kinder zu versorgen und ihre persönlichen Spesen zu decken. Sie verriet mir, dass sie durch den Tod ihres Ehemanns eine Witwenrente (klingt total bescheuert, wenn man bedenkt wie alt Grace ist und wie sie aussieht) vom Staat bekommt, die aber sicherlich den Wert eines Salario Minimos nicht überschreitet. Irgendwie zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben.

    So langsam verstand ich Grace Drang jedem Centavo hinterher zu rennen und sich bei der zuerst bietenden Gelegenheit einen Gringo zu angeln, der sie aus ihrem finanziellen Desaster heraushebelt. Beide Arten Geld zu verdienen sind durchaus legitim und üblich in Brasilien. Viele Frauen gehen sogar noch einen Schritt weiter und rutschen in die Prostitution ab. Diese Gefahr bestand bei Grace offenbar (noch) nicht. Allerdings lag mir dir Frage schon manchmal auf der Zunge, ob sie im Falle des totalen finanziellen Desasters auch ihren Körper verkaufen würde. Obwohl ich mittlerweile recht gut mit Grace befreundet bin und manchmal unerwartet tiefgreifende Gespräche mit ihr geführt habe, denke ich, dass diese Frage sie verletzen könnte. Sie hatte sich mir gegenüber aber schon 1-2 mal über Freundinnen geäußert, die genau diesen Schritt gemacht hatten und zeigte nicht nur ihre Abscheu, sondern meinte beiläufig, dass sie nicht mit jedem dahergelaufenen Typen Sex haben könnte. Ein klares Signal also, dass sie diese Laufbahn eher nicht einschlagen wird. Mit 33 Jahren, trotz eines nahezu perfekten Körpers, wäre ihr wohl auch eher nur eine recht kurze „Karriere“ in Aussicht gestellt. Gleiches gilt leider auch für ihre Samba-Auftritte, was sie aber offenbar begriffen hat und sich dementsprechend (auf einem höheren Level) versucht umzuorientieren.

    Es war Freitagabend.

    Kurz vor 10 rief ich Grace an und teilte ihr mit, dass mein Gol nicht anspringen will und dass ich deswegen nicht nach Meier kommen kann. Das Gespräch war sehr kurz. Grace nahm meine Lüge zur Kenntnis und legte auf. Ich fühlte mich ziemlich Scheiße in diesem Moment, öffnete eine Büchse Bier und schaute noch ein bisschen Fernsehen. Das brasilianische Abendprogramm, was hauptsächlich aus Novelas und Klatsch-& Tratschsendungen besteht, ließ mich ein paar Minuten später vorm Fernseher einnicken. Als ich etwas später schweißgebadet aus einem Albtraum aufwachte, war Grace sicherlich gerade am Tanzen und sogar schon am Abkassieren. Ich begab mich in mein von Mücken verseuchtes Schlafzimmer und wachte erst wieder gegen 5 mit dem ersten Sonnenstrahl auf.

    Es war der erste arbeitsfreie Samstag nach vielen Wochen und eigentlich war ich dumm gewesen, den Freitagabend einfach so tatenlos verstreichen zu lassen. Doch mein Körper forderte sein Tribut und bekam zumindest diese Nacht seine gewünschte Ruhe. Vielleicht war es ja die Ruhe vor dem nächsten Sturm? Zumindest hatte ich für diesen Sonnabend schon ein paar Pläne. Ich wollte mal wieder abends an die Copacabana, anschließend zum Finale des Songausscheids in der Vila Isabel und später noch in die Rocinha.

    Die Rocinha beschäftigte mich seit ein paar Tagen sehr intensiv. Ich hatte die Sambaschule der „Academicos da Rocinha“ im Vorbeifahren entdeckt. Sie liegt direkt gegenüber vom Eingang in die Favela, etwas unterhalb der Hauptstrasse, die Barra da Tijuca mit Leblon verbindet. Als ich die Internetpräsenz der Sambaschule aufgespürt hatte, stellte ich mit Entsetzen fest, dass die Rocinha die gleichen Farben trug wie die Imperatriz, nämlich hellgrün/weiß, allerdings zusätzlich mit Blau vermischt. Meine Gedanken gingen zum Nachmittag in der Imperatriz zurück, die sich eingequetscht zwischen dem Favelahügel des „Complexo do Alemão“ und der ebenerdigen Favela „Complexo da Maré“ befand. Eine äußerst unwirtliche Gegend. Nicht viel besser war es in der Rocinha. Mit geschätzten 200.000 Einwohnern soll es die größte Favela Südamerikas sein. Doch wer hat diese wilde Menschenansammlung schon jemals gezählt? Es kann sich nur um eine grobe Schätzung handeln ...

    Eigentlich gingen meine Gedanken noch weiter zurück ... Ich erinnerte mich noch perfekt an die Passistas in grün/weiß während meiner ersten Feijoada-Party in der Mangueira. Sie waren mit Abstand die hübschesten Frauen und ihre Tanzbewegungen waren die erotischsten. Durch die Farben ihrer Bekleidung ordnete ich sie automatisch der Imperatriz zu. Ich versicherte mich vorher noch, ob es keine andere Sambaschule mit den gleichen Farben gab. Aber außer der „Mocidade Independente“, die dunkelgrün/weiß trug, war da niemand. In meiner Rechnung hatte ich vergessen, dass Yvo Mereilles durchaus auch „zweitklassige“ Sambaschulen zu seinem Fest eingeladen haben könnte. Gerade zur Rocinha dürfte eine gewisse „Affinität“ bestehen, da beides nicht nur stadtbekannte, berüchtigte Favelas sind, sondern beide auch vom gleichen Comando beherrscht werden. Ohne irgendwelche Verstrickungen zwischen Sambaschulen und Drogenhandel weissagen zu wollen, aber das viele Geld der Sambaschulen kommt sicherlich nicht alleine aus den Einnahmen der wöchentlichen Feten. Nicht erst einmal habe ich das Wort „Bicheiro“ im Zusammenhang mit den Wörtern „Sambaschule“ und „Geld“ aus Grace Mund gehört ... und die Bicheiros, die Drahtzieher eines mittlerweile illegalen Glücksspiels in Rio, werden der Reinwaschung von Drogengeldern bezichtigt. Für Lemi war dieser Sumpf jedoch zu tief, um weiter hinein zu steigen. Illegale Drogengelder mit einem illegalen Glücksspiel reinwaschen? Und damit dann die Sambaschulen finanzieren, um anschließend die dicken Prämien beim Karnevalsumzug abzuzocken. Ist dies der anvisierte Kreislauf zur Reinwaschung des Geldes? Alles sehr schwer vorstellbar, aber Brasilien, vor allem die Politiker, zeigen sich immer wieder extrem erfinderisch, wenn es um persönliche Bereicherung auf Kosten anderer geht. Warum also nicht das gleiche Spiel im Karnevalstrubel ...?

    Aber ich schweife ab.

    Ich hatte plötzlich die Vermutung, dass ich in der Imperatriz einem Phantom hinterher gerannt bin. Ich erinnerte mich, nicht eine der Schönheiten, die man in der Mangueira nicht an einer Hand abzählen konnte, in der Imperatriz widergesehen zu haben. Zugegebenermaßen war mein Besuch dort mehr als misslungen. Aber trotzdem. Ich vermutete, dass da irgendetwas faul war und erhoffte mir die Aufklärung in der Rocinha. Vielleicht waren es ja die Damen der Rocinha, die mich so entzückt hatten!? Und die wohnen und tanzen praktisch „vor meiner Haustür““ Es wäre fatal, wenn ich die Gelegenheit eines Rocinha-Besuchs nicht nutzen würde, um mir selber Klarheit zu verschaffen. Außerdem konnte ein Abend in der Rocinha-Sambaschule Basis für neue Kontakte und vielleicht sogar einen Ausflug ins Innere der Favela sein? Ich wurde zusehends neugierig und griff sogleich zum Telefon.

    Die freundliche, dem Klang nach Stimme nach ältere Dame meldete sich mit „Academicos da Rocinha“. Auf Anhieb hatte ich die richtige Person an der Strippe. Ich fragte nach der Agenda der Sambaschule und konnte kaum glauben, was ich zu hören bekam ... am gleichen Abend sollte eine Veranstaltung zur Auswahl des Samba-Enredos sein. Ich wusste sofort, dass bei diesem Event, den ich nun schon aus sämtlichen anderen Sambaschulen kannte, die Passistas auftreten würden. Ich konnte also noch am gleichen Abend Antwort auf die mich quälende Frage nach den grün-weißen Damen bekommen.

    Es schien vollkommen versessen und idiotisch von mir zu sein, aber was würde ich antworten, wenn mich jemand fragt, welche Sambaschule die hübschesten Sambatänzerinnen hat? Eventuell „ähm, weiß nicht so richtig, kann mich nicht so recht erinnern, ob es Rocinha oder Imperatriz war ...“ Nein. Diese Frage musste geklärt sein, bevor ich jemals wieder deutschen Boden betrete.

    Fortsetzung folgt ...
    recem chegado sagt Danke.
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  5. #143
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Es war Samstagabend.

    Wohl der letzte für Lemi in Rio. Ich hatte wieder mal Prioritäten zu setzen. Ich musste damit rechnen, Renato, Grace und Wanderley in der Vila Isabel zu treffen und dort hängenzubleiben. Somit wäre die Rocinha futsch. Kein Desaster, aber höchst ärgerlich unter der derzeit in Lemis Kopf herumschwirrenden Konstellation. Zumindest bestand für den Fall der Fälle noch die Möglichkeit am Sonntagabend in die Imperatriz zurückzukehren, um Restfragen zu klären. Außerdem stand die Copacabana auf dem Programm.

    Ich liebte es im Miramar-Hotel durch die schicke Glastür schnurstracks auf den Fahrstuhl zuzumarschieren, wohlwissend, dass ich von einem der Pförtner nach meiner Zimmernummer angequatscht werde. Die Reaktion war immer die gleiche ... nachdem er bemerkt, dass ich Gringo bin, schreckt er zurück und lässt mich ohne weitere Fragen in den Wohnbereich des Hotels fahren. Aber dort wollte ich natürlich nicht hin. Die Zimmer wären eh eine Nummer zu teuer für mich. Lemi wollte ins letzte Stockwerk, der Cobertura, genau dorthin, wo man von der Terrasse einer ziemlich mondänen Bar den wohl schönsten Ausblick auf die Avenida Atlantica bei Nacht hat. Genau dort wollte ich, wie bei allen Besuchen zuvor, eine völlig überteuerte Caipirinha trinken und so meine Grundlaune für den restlichen Abend auf ein möglichst hohes Niveau schrauben. Ich dachte daran, Grace und ihren Italiener dorthin einzuladen, um mich gebührend von Grace zu verabschieden. Wieder griff ich zum Telefon.

    -Oi Grace, tudo bem?
    -Oi Lemi. Ist dein Auto wieder ganz?
    -Ähm ja ...
    -Was war denn kaputt?
    -Ähm ... ich hatte nur keinen Benzin mehr im Tank ...
    -Und hast du jetzt welchen?
    -Ja.

    Mein Gott! Das war das Peinlichste, was ich seit langem erlebt hatte. Ich hatte nicht im geringsten daran gedacht, dass ich meine Notlüge vom Vorabend weiterspinnen musste. Mit meinem Gedanken war ich wieder einmal Meilen voraus ... dass mein Gol „kaputt“ war, hatte ich dabei total vergessen.

    -Ist dein Freund angekommen?
    -Ja, er sitzt hier neben mir.
    -Wie unterhältst du dich überhaupt mit ihm?
    -Er spricht etwas Portugiesisch. Ich spreche auch ganz gut Englisch.
    -Echt? Das wusste ich gar nicht.
    -Bei den Tourneen durch die halbe Welt lernt man etwas. Man muss sich ja irgendwie verständigen.
    -Wie sehen deine Pläne für heute abend aus? Sicherlich geht ihr irgendwo schick essen, oder?
    -Mein Italiener ist ziemlich platt vom Flug. Er meinte, dass er vor Aufregung kaum geschlafen hat. Ich will natürlich in die Vila Isabel heute Nacht. Es ist die Nacht der Entscheidung über den Samba-Enredo. Mal abgesehen, dass ohnehin Anwesenheitspflicht für Passistas ist, wäre ich sowieso hingegangen. Volles Haus ist angesagt. Martinho da Vila wird auch dort sein. Ich schätze, dass es so gegen Mitternacht losgeht. Als ich meinem Freund von meinen Plänen erzählt habe, hat er gleich abgewinkt. Er würde heute nicht durchhalten und ich solle alleine gehen.
    -Waaaas? In der ersten Nacht mit dir lässt er dich alleine losziehen? Ist er nicht eifersüchtig?
    -Nein, warum auch? Ich ziehe doch auch sonst jedes Wochenende alleine los, wenn er in Italien ist. Manchmal ruft er mich mitten in der Nacht an und fragt, wo ich bin. Sonst nichts ...
    -Und ich wollte euch beide gerade auf eine Caipi an die Copacabana einladen ...
    -Copacabaaaanaaaa!!! Oh ja Lemi, ich komme!
    -Wirklich alleine?
    -Ja, an der Copacabana ausgehen ist „chique demais!!!“ Aber wir müssen zeitig dorthin gehen, da ich nicht zu spät in die Vila kommen will.
    -Mach dir keine Sorgen. Ich gehe auch in die Vila. Ich nehme dich mit dem Auto mit. Da sind wir in maximal 30 Minuten da.
    -Cool Lemi, du bist so süß!
    -Komm runter Grace. Du weißt, dass das unser Abschied sein wird. Lemi geht nach Deutschland zurück und wir sehen uns vielleicht nie wieder.
    -Musstest du das jetzt sagen!? Jetzt hast du meine Laune versaut ...
    -Was raus muss, muss raus. Du weißt, dass ich ziemlich direkt bin.
    -Lemi, du wirst nie ein richtiger Brasilianer!
    -Will ich auch nicht, denn dann würdest du mich vielleicht nicht mehr mögen. Und Sra. Lemi vielleicht auch nicht ... hehehehehe
    -Apropos Sra. Lemi ... sagst du ihr, dass du heute mit mir ausgehst?
    -Wieso? Hast du was Unanständiges mit mir vor?
    -Hehehehehe (wieder dieses dreckige Lachen). Nein Lemi, ich hatte heute schon Sex!
    -Schade Grace ... wäre mal eine Überlegung wert gewesen. (diesmal lachte ich schmutzig ins Telefon)
    -Du Arsch.
    -Also dann, um 8 an der Avenida Atlantica, Ecke Rua Siqueira Campos. Wir gehen vorher noch ein Häppchen essen ...
    -WOW, Lemi lädt mich zum Essen ein! An der Copacabana! Chique demais!!!!

    Porra. Grace war echt super drauf. Was so ein bisschen Sex aus einer Frau macht! Und offensichtlich war sie tatsächlich von ihrer „Mãe Santa“ geheilt worden, denn Sex unter den Umständen, wie ich Grace die letzten Male erlebt hatte ... nie und nimmer! Die konnte ja kaum laufen vor Schmerzen ...
    Geändert von Lemi (15. October 2009 um 20:29 Uhr)
    Man sieht sich,
    in der Unterschicht.


  6. #144
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Der letzte Samstagabend beginnt ...


    Als ich an der vereinbarten Straßenecke ankam, traute ich meinen Augen nicht. Das war nicht die Grace, die ich zuletzt in drittklassigen Sambaschule halbbesoffen rumhängen sah. Ihre Aura hätte man über Kilometer Entfernung wahrnehmen müssen, so wie sie da stand. Sie sah einfach blendend aus. Ihre innere Reinigungsprozedur hatte sich gelohnt. Außen war sie, trotz der weißen Salbungen durch ihre Mãe Santa, noch genau so schwarz wie vorher. Das Einölen ihrer Beine und Arme bekräftigte diesen schwarzen Farbton sogar noch etwas.

    Außerdem hatte sie neues Haar – es war viel dichter und länger. Sie trug es diesmal hochgesteckt. Im Gesicht hatte sie reichlich Rouge und Glitter aufgetragen. Ihre Augenlider hatte sie diesmal mehrfarbig geschminkt ... passend zu ihrer Kleidung. Sie trug ein hautenges Minikleid, darunter einen BH in den Farben der Vila Isabel. Er war bunt bestickt und der obere Teil des BH´s war durch den knappen Schnitt des Kleides frei sichtbar. Alles, was sich unterhalb befand, war einfach nur ein Spektakel: Ihre schmalen Hüften, der typisch afrikanisch gewölbte Arsch, die durchtrainierten Beine und natürlich wieder ein Paar unglaublich hochhackige Schuhe, die selbst Grace auf dem ungleichmäßigen Kopfsteinpflaster der Copacabana Schwierigkeiten bereiteten, nichts von ihrer Eleganz zu verlieren.

    Was mir bei diesem Anblick etwas Sorgen bereitete war die Tatsache, dass wir uns auf Nutten-Terrain befanden und eine extrem hohe Gefahr der Verwechslung bestand. Die Copa ist wohl einer der längsten Straßenstriche der Welt und wird ab 11 Uhr abends von Nutten und Zuhältern dominiert. Einzig und alleine die fehlende Handtasche unterschied Grace von einer „Professionellen“, da sie ihr Geld und ihren Ausweis immer in ihren BH steckte. Grace schien das alles nicht zu jucken. Sie war überglücklich an der Copa zu sein. Wir quatschen ein wenig. Ich machte ihr ein paar Komplimente und sagte ihr, wo es hingeht.

    Auf dem Weg ins Restaurant bemerkte ich die ständigen Blicke der vorbeigehenden Männerwelt. Es war eindeutig – Grace wurde als Nutte betrachtet und ich als ihr Freier. Ein saublödes Gefühl. Ich sprach Grace darauf an, aber die winkte nur ab: „Ihh Lemi, mach dir keine Sorgen. Was gehen mich die anderen an?“.

    Beim Eintritt ins Restaurant das gleiche Bild. Die Kellner schauten allesamt auf Graces voluminösen Arsch, die Gäste wunderten sich, dass plötzlich eine Schwarze im Restaurant war. Dem Stil des Restaurants nach schien das nicht unbedingt üblich zu sein, aber ich sagte mir „was solls ... soll ich jetzt, nur weil Grace schwarz ist, mit ihr in eine Favelabar gehen?“.

    Das Restaurant hatte eine reichlich gefüllte Salatbar, an der Grace nur argwöhnisch vorbeilief. Ihren ersten Stopp legte sie ein als sie Pommes, Reis und ein paar ölige Teigtaschen sah. Ich nahm mir etwas vom Salat und den Meeresfrüchten. Als wir wieder am Tisch saßen, guckte Grace mit genauso verzogener Mine zu meinem Teller wie ich zu ihrem. „Lemi, wir brauchen Energie! ENERGIE!!! Heute wird die ganze Nacht getanzt. Also ENERGIE!!! Und keinen Salatscheiß ...“

    Grace laute Stimme ließ die Nachbartische aufhorchen. Den Kellner, der mit einer Flasche teuren Wein am Tisch erschien, schickte sie wieder weg und orderte Bier. Ich war ehrlich gesagt froh, denn auf große Rechnungen war ich nicht gerade vorbereitet. Grace war in dieser Hinsicht pflegeleicht. Sie liebte es sich unters Fußvolk zu mischen und einfach nur zu feiern. Klar, fand sie es schick, in ein nobles Restaurant zu gehen, aber wohl mehr, um am nächsten Tag vor ihren Freundinnen damit zu prahlen als das sie es wirklich mochte. Grace bemängelte die fehlende Musik im Restaurant und einen Fernseher zum Novela glotzen gab es auch keinen. Der Aufenthalt im Siqueira Grill war deshalb nach nur 48 Minuten (stand auf der Rechnung) beendet. Grace machte abschließend den Gang zur Toilette und zum Ausgang des Restaurants zum Spektakel für die anwesende Männerwelt. Wie sie mit stolzem Gang zwischen den Tischen entlang, die Treppe zum Ausgang herunterkam, ließ jedes Männerherz höher schlagen.

    Als wir aus dem klimatisierten Restaurant wieder in die warme Dunstglocke der Copacabana kamen, machte ich Grace nochmals auf die männlichen (und teilweise auch weiblichen) Augenpaare aufmerksam, die sie ständig verfolgten. Dabei rutschte mir ganz unbewusst eine Bemerkung raus: „Grace, wenn du es darauf anlegen würdest, könntest du heute hier in dieser Nacht deine gesamten Schulden von 1000 R$ tilgen!“

    Zum Glück lachte Grace nur lauthals über meine anrüchige Bemerkung, anstatt mich runterzuputzen. Wie ich schon sagte, sie war einfach super drauf ...

    Fortsetzung folgt ...
    Man sieht sich,
    in der Unterschicht.



 

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